Beitrag K-Tipp, Haus & Garten 2/2006 vom

 

Massgeschreinerte Möbel müssen nicht viel teurer sein als Möbel aus dem Katalog. Ein Offertenvergleich bei mehreren Schreinern lohnt sich auf jeden Fall.

 

Auf Mass Geschneidertes steht für Prestige, Individualität und Qualitätsbewusstsein - auch in der Möbelwelt. Manch ein Mieter oder Wohneigentümer lässt sich aber aus profaneren Gründen Möbel auf Mass zimmern. Oft verunmöglichen zum Beispiel Dachschrägen oder enge Räume den Kauf im Möbelhaus und machen den Gang zum Schreiner unvermeidbar.

Die «richtige» Vorgehensweise für die Wahl des Schreiners gebe es nicht, meint Werner Oetiker vom Bereich «Technik und Betriebswirtschaft» des Verbandes Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten (VSSM). Denn die Herstellung eines massgeschreinerten Möbelstücks sei nicht nur in Bezug auf die Masse, sondern auch bezüglich der verwendeten Materialien, des Designs und der Beratung individuell. Bei der Wahl des Möbelschreiners verhalte es sich so wie beim Suchen eines neuen Hausarztes. Das Vertrauen spiele eine wichtige Rolle.


Massivholz kostet dreimal mehr als Furnier

Den Liebhabern von Massmöbeln gibt der Fachmann zwei Ratschläge. Einerseits sollte sich der Kunde vor dem ersten Griff zum Telefonhörer unbedingt überlegen: «Was will ich eigentlich?» Denn von der ersten Idee bis zum fertigen Entwurf müsse meist viel Zeit investiert werden - sowohl vom Schreiner als auch vom Kunden. Wenn man sich vorgängig genügend Gedanken mache, könne kostbare Zeit gespart werden.

Eine detaillierte Skizze kann hier Wunder wirken. Auch die Materialien, die bis zu einem Drittel des Gesamtpreises ausmachen können, sollten schon im Voraus festgelegt sein. Für Schränke etwa sind Holzimitate am günstigsten. Die teurere Furniermethode gilt in der Branche bereits als «Echtholz». Ein Furnier besteht aus einem dünnen Holzblatt, das auf einen preisgünstigen Holzwerkstoff (z. B. Spanplatte) aufgeleimt wird.

Für qualitätsbedachte Konsumenten sind Furniere oft nicht genug «authentisch». Sie sprechen eher auf Massivholzmöbel an. In diese Kategorie fallen allerdings nicht nur Möbel aus einem einzigen dicken Holzbrett, sondern auch so genannte Dreischichtplatten (eine Art Edelfurnier aus drei verleimten Holzbrettern). Massivholz kostet jedoch rund dreimal so viel wie gewöhnliches Furnier. Und schliesslich unterscheiden sich auch die Preise der verschiedenen Holzarten stark. Eiche ist dreimal so teuer wie Tanne - Nuss gar viermal.

Anderseits sollte man laut Oetiker nicht den erstbesten lokalen Schreiner wählen, sondern mehrere Anfragen starten. Nicht nur aus finanziellen Überlegungen. Manche Schreiner seien auf antike Nachbildungen, andere auf modernes Design spezialisiert. Aber Achtung: Je weiter vom Wohnort entfernt die Werkstatt ist, desto teurer wird es. Denn bei massgeschreinerten Möbeln kann es vorkommen, dass mehrere Male vor Ort ausgemessen werden muss.

SPEZIAL «Haus und Garten» hat bei sechs Schweizer Möbelschreinern Preisofferten für einen Schrank auf Mass inklusive Montage für eine Immobilie mit Dachschräge angefordert. Das Möbelstück sollte massiv aus Tannenholz sein und über Schubladen mit Holzknaufen und über Glasvitrinen verfügen (siehe Skizze). Den Schreinern wurde gesagt, dass man noch andere Offerten einhole. Der VSSM hat die Kosten für die Fertigung des Schrankes inklusive Lieferung und Montage auf 8715 Franken veranschlagt.


Grosse Preisunterschiede bei den Offerten

Die Schreiner antworteten rasch - und das Resultat überrascht: Mit 5000 Franken haben Thomas Wilding & Team («Der Möbel Macher») aus Wermatswil bei Uster ZH sowie die Schreinerei Engeler + Frei aus Frauenfeld TG eine deutlich günstigere Offerte abgegeben, als gemäss VSSM-Schätzung zu erwarten war. Die Thurgauer haben als Einzige zusätzliche Infos zur Ausführung des Schrankes verlangt. Etwa, ob die Tablare verstellbar sein sollen. Sie machten auch einen Änderungsvorschlag: Im Mittelteil würde der Einbau einer zusätzlichen Wand für mehr Stabilität sorgen.

Die Offerte der Schreinerei der Gebrüder Zimmermann in Trimbach bei Olten SO lag mit 5800 Franken etwas höher. 6500 Franken offerierte die Schreinerei Ernst Riesen in Thun BE. Die HTI Holzbau AG in Interlaken BE hat trotz mehrmaligen Nachhakens keine Preisofferte eingereicht.
Als einziger «echter» Ausreisser präsentierte sich das Angebot der Caviezel AG aus Chur GR. Mit 8500 Franken lagen aber auch die Bündner unter der Kalkulation vom VSSM. «Der angebotene Preis erscheint nur auf den ersten Blick als hoch», meint dazu Heini Caviezel von der Churer Schreinerei. Denn der offerierte Betrag beinhalte alles, was zu einer fachlich richtigen Ausführung, Lieferung und Montage eines derartigen Massivholzmöbels notwendig sei. So sei bei Schubladen von einem Quadratmeter Grundfläche eine Belastbarkeit der Auszüge von 80 Kilogramm ein Muss. Zudem wurden auf die ganze Tiefe ausziehbare Schubladen einkalkuliert. Erst das persönliche Kundengespräch zeige die spezifischen Bedürfnisse und gestatte eine optimale Offerte, rechtfertigt sich Caviezel.


Katalogpreise sind fast so hoch wie Preise auf Mass

Der Durchschnitt der vier preisgünstigsten Offerten liegt bei 5575 Franken. Das ist nicht viel mehr, als ein Qualitätsmöbel aus dem Fachhandel kosten würde. Eine von den Dimensionen und der Verarbeitungsqualität her vergleichbare Schrankkommode kostet bei grossen Möbelhäusern wie Möbel Pfister, Möbel Märki und Zingg-Lamprecht zwischen 3000 und 4000 Franken, wie ein Blick in die Kataloge zeigt - ohne Verarbeitung in die Dachschräge und ohne Hauslieferung.

 

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